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Der Meister Chang

Es gibt bereits einige Biografien des Meisters Chang und in allen Erzählungen die von Schüler zu Schüler weiter getragen werden. Einige Erlebnisse ihn betreffend sind bereits zu Mythen oder Legende geworden. Die folgende Biografie basiert auf Aussage die Meister Chang, Meister Bestetti gemacht hat, während der 14 Jahre die beide miteinander verbracht haben.
 
Meister Chang Dsu Yao (zweiter Name: Chang Ch'eng Hsun) wird am 15. Juni 1918 in P'ei in der Provinz Kiang Su (China) geboren. Einer seiner Vorfahren war ein Mönch im Shaolintempel. Die Region aus der er stammt ist reich an Traditionen rund um diesen Tempel. Erzählungen werden von Generation zu Generation übertragen und der Meister selbst erzählt oft darüber. Von seinem Großvater hatte er gehört, dass einst im Shaolintempel  ein Mönch lebte, dem es gelungen war, seinen Kopf so zu trainieren, dass vier weitere Mönche ihn als Rammbock  nutzten.
Ein junger Mönch wurde für die Küche eingeteilt und war dafür zuständig, dass das Feuer stets brannte. Es durfte nie an Holz fehlen um die Gericht zu zubereiten. Mit bloßen Händen musste er die Äste zerschlagen. Als er nach Jahren wieder zurück nach Hause kam, fragte ihn die Familie recht aufdringlich, was er denn im Tempel  gelernt habe. Genervt klopfte er mit seinen Fingern auf den Holztisch. Stand auf und ging fort. Verwundert starrten die Verwandten auf die Fingerabdrücke, die der Mönch in der Tischplatte hinterlassen hatte.
Ein anderes Mal : ein Mönch, recht kräftig und gut gebaut, der es leid war im Tempel  zu leben, sprang in den Fluss der durch den Tempel floss und schwamm bis zu dem Gitter das ihm den Weg nach draußen versperrte. Mit seinen Händen verbog er die Eisenstangen und floh. Doch umgehend folgten ihm zwei weiter Mönche  die ihn wieder zurück brachten.
 
Von seiner Familie sprach Meister Chang hauptsächlich über seine Großmutter: eine sehr weise Frau mit unglaublichen Fähigkeiten. Einige Monate vor dem Tod, der 120 jährigen Großmutter, wohl wissend, dass sie sterben würde, rief sie die gesamt Familie zu sich und verteilte in gleichen Teilen ihr Hab und Gut an alle.
    
Als Chang drei Jahre alt war brachten ihn seine Eltern in eine Turnhalle, wo er Kung Fu Übungen zusah. Die Vorstellung hatte den Kleinen so fasziniert, dass er, zuhause angekommen, gleich einige der Übungen ausprobierte. Diesbezüglich erinnerte sich der Meister immer an die Kämpfe mit seinem großen Bruder bevor sie zu Bett gingen.
Im Alter von sechs Jahren, brachten Changs Eltern ihn zu Liu Pao Ch'uin, ein großer Meister von Me Hua Ch'uah Styl.  Er erinnerte sich: "Vor mir, fragte Liu Pao Ch'uin meine Eltern, ob ich ein anständiger Junge sei und sie respektiere. Als meine Eltern mit "Ja" antworteten, nahm er mich in die Schule auf". Seine Eltern, die aus wohlhabender Familie stammen, zahlten seinen Privatunterricht. Chang liebte Kung Fu und begann hart und unermüdlich zu trainieren. "Ich war nicht einverstanden mit der Art und Weise, wie mein Meister uns trainierte. Er war streng und bösartig", erinnerte er sich. Liu Pao Ch'uin ließ Chang für längere Zeit in Kung Fu Pose stehen und wenn er es nicht richtig machte, schlug er ihn so, dass er hinfiel. 22 Jahre lang, ununterbrochen, ließ Chang es über sich ergehen.
 
Im Sommer brachte Liu Pao Ch'uin seine Schüler für einen Monat in ein nahe gelegenes Kloster wo alle gemeinsam übten und trainierten. Meister Chang dachte bei dieser Gelegenheit oft an einen Mönch namens Yang Su Wen, der in die Luft sprang und ohne sich mit den Händen abzustützen, entweder auf der Brust oder auf dem Rücken landete. Auch während seiner Freizeit übte Chang auf einem Feld seine Kung Fu Kenntnisse. Mit Freude erzählte Chang von seinem Großvater, der einmal auf der Veranda sitzend und Pfeife rauchend, so erstaunt über die Fähigkeiten seines Enkels war, dass er aus seinem Stauen erst wieder erwachte, als seine Pfeife aus dem Mund fiel und die Hosen anfingen zu brennen. Auch in der Schule übte Chang in den Pausen auf den Gängen seine Kung Fu Techniken, statt mit seinen Freunden zu spielen.
Als Meister Chang seine Schüler mit dem Fahrrad zum Unterricht kommen sah, erinnerte er sich wie auch er mit seinem Fahrrad zur Schule fuhr. Manchmal belud er es mit Waffen um mit Ihnen Zielschiessen zu üben. Einmal stahl er die Pistole seines Vaters und schwänzte die Schule um auf Vogelnester zu schießen. Als seine Eltern ihn erwischten, sperrten sie ihn zu Hause ein und gaben ihm drei Tage nichts zu essen. Auch in der Schule erhielt er seine Strafe indem ihm der Lehrer vor versammelter Klasse mit dem Zeigestock auf die Finger schlug.
Im Alter von sechs Jahren begegnete Chang Meister Yang Chen Fu. Dieser war bereits Meister und Lehrer von Liu Pao Ch'uin, der auf den Dorfplätzen das Tai Chi Chuan lehrte. Mit zwölf lernte Chang von seinem Lehrer Liu Pao Chuin die Techniken des Tai Chi.
 

Etwa zu diesem Zeitpunkt wurde Chang von seinem Meister Liu Pao Chuin an einem Wettkampf eingeladen, gegen den damals chinesischen Kung Fu Meister, teilzunehmen. Auch der chinesische Kung Fu Meister war Schüler von Liu Pao Ch'uin und Freund von Chang. Der Wettkampf fand im selben Zelt statt, in dem die Meisterschaften ausgetragen wurden, nachdem alle gegangen waren. Chang wandte den Tritt nr. 7 ("la spazzata") an. Dabei brach er seinem Gegner ein Bein. Ein anderes Mal, während er mit dem Säbel herumspielte und diesen dabei so schnell bewegte, dass er ihm aus der Hand glitt, traf er einen Freund in die Schulter. Zum Glück ohne schlimme Folgen. Seine Eltern waren gezwungen, die Arztkosten für diesen Jungen zu übernehmen.


Die Jahre vergingen und Chang ging zur Militärschule. Die Glanzzeit des Meisters Chang. Er erzählte oft, dass es ihm gelang, der Kraft von zehn Männern zu widerstehen und einen robusten Mann mit einer Hand vom Boden heben konnte. Oft sagte er auch wie er sich respektieren ließ als er einem aufständischem Unteroffizier so fest ins Gesicht schlug, dass dieser fünf Meter weit zu Boden fiel und die Fingerabdrücke auf der Wange zu sehen waren


Treff der bekanntesten Meister in Shangai (Jahr 1929).Von links nach rechts:  Yang Chen Fu (Tai Chi Ch'uan) , Sun Lu T'ang (Pa Qua, HsingI), Liu Pao Ch'uan (Lohan Shaolin), Li Ching Lin (Wu Tang Chieh), Tu Hsin Wu. (Scuola naturale)           


Während dieser Zeit erlitt Meister Chang auch einen Motorradunfall, bei dem er meterweit geschleudert wurde. Doch mit einer Pirouette landete er mit dem "Shaolin Fall nr. 9" sicher auf den Beinen. Wendete sich anschließend dem Fahrer des Wagens, der ihn tot dachte und ihn somit für einen Geist hielt.

Doch seine Kung Fu-Lehre setzte sich fort. Seine Lehrer Chang Ching Po und Sun Lu Tang erlernte er das Hsing i, das Pa Qua und das Liang i. Durch Meister Fu kam er zu den Szu Hsiang Ch'uan Kenntnissen.
Eine weitere Anekdote die Meister Chang aus dieser Zeit gerne erzählte war folgende: Eines Tages ging er auf den Markt um Fleisch zu besorgen. Doch als er bemerkte das ihn der Metzger betrogen hatte, wollte er seine Rechte geltend machen. Um der Erzählung Ausdruck zu verleihen, spielte er die Geste des wütenden Metzgers nach, der mit voller Kraft sein Fleischermesser in den Tresen schlug. Mit 20 weiteren Verkäufern schlugen sie auf Meister Chang, damals Offizier, ein. Doch er lachte nur als er die Gesichter der Verkäufer imitierte, die seine Hiebe abbekamen. Bis die Polizei eintraf, hatte er sie alle außer Gefecht gesetzt. Sein Vorgesetzter der ebenfalls gekommen war, machte ihm im Vertrauen seine Komplimente.
 
Während seiner Militärzeit, ging Meister Chang oft zu seinem Meister um neue Kung Fu Techniken zu erlernen. Als Chang fest im Militär aufgenommen war, stieg er schnell auf und machte Karriere. Er heiratete und bekam vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen. Er wurde Leutnant der Truppen des General Chang Kai Shek und ehe er es sich versah, war er bereits im Krieg gegen die Japaner. Diese hatten auf ihrem Vorstoß sein Haus abgebrannt und seine Eltern ermordet. Von der Grausamkeit und Härte des Krieges erinnerte sich Meister Chang unter anderem daran, dass er sich auch vor seinen eigenen Soldaten umsehen musste, wenn er im Gefecht war. Er war immer der erste in den Kampf und eines Tages trafen ihn die Splitter einer Bombe und verletzten ihn am Bein. Doch er wartete nicht ab, bis das Bein ganz verheilt war und zog wieder in den Kampf. Um seine Gegner zu erschrecken die sich auf einem Hügel versteckten, hatte Chang eine Taktik angewandt die einzigartig war. Sie umkreisten den Hügel und schrieen laut. Tag und Nacht.

Später brachten ihn besondere Situationen mit den Gedanken immer zurück zu den schrecklichen Momenten des Krieges, zwischen Leben und Tod. Auch als er an den Toren der Turnhalle in Mailand vorbei spazierte und er sich daran erinnerte als er auf der Flucht vor den Japanern über eine drei Meter hohe Mauer sprach. Dank seiner Kung Fu Kenntnisse sprang er hoch und stütze sich mit seinen Händen über die Mauer. Ein anderes Mal war Meister Chang im Zug mit einigen seiner Schüler auf dem Weg zu einer Vorführung. Er hatte für seine "kleine Kompanie" belegte Brote mitgebracht und alle warteten mit dem Essen auf Meister Chang. In seinen Händen hielt er sein Brot und starrte es wie versteinert an. Als er zu den Schülern blickte, die Ihn fragend anschauten, entschuldigte er sich und erzählte das er gerade daran dachte, wie er während des Krieges in einem Zug saß und ein Brot aß, als er sich plötzlich mitten in einem Feuergefecht befand.
 
 
Als einziger Überlebender seiner Einheit, ohne Munition und nur mit dem Bajonette stand er sechs Japanern gegenüber. Nachdem er den Angriffen der ersten Japaner ausgewichen war drehte er sich rasant um, um den dritten Japaner anzugreifen. Dabei konnte er dem Bajonette des Gegners nicht mehr ausweichen und erlitt einen Bauchschnitt von 30 Zentimetern. Doch trotz dieser schweren Verletzung besiegte er alles sechs Japaner.  Meister Chang zeigte einigen seiner Schüler die Narbe am Bauch. In Kriegszeit befragte der Meister oft das "I King" (das "Buch der Mutationen"). In Zeiten, in denen jeder Tag der letzte sein könnte, fragte er das "I King" ob er den nächsten Tag überleben würde.
 

Meister Chang  fiel von einer Kirchturmruine als eine Bombe explodierte und er unter den Trümmern begraben wurde. Er konnte noch nicht einmal um Hilfe rufen vor Schmerzen. Er hatte sich einige Wirbel gebrochen und war gelähmt, nur durch Glück wurde er gefunden. Lange dauerte seine Genesung die durch eine X-förmige Maschine unterstützt wurde. Doch gerade diese Maschine war die Ursache für ein Magengeschwür. Weitere Behandlungen waren nötig, die ihm zwar halfen, ihn aber tief prägten.


Am Ende des Krieges war Chang moralisch am Ende und lustlos. Nichts weckte mehr sein Interesse, bis eines Tages ein Freund ihn zu einer Kung Fu Schau einlud und ihn anschließend fragte ob er nicht auch Lust hätte etwas vorzuführen. Anfangs noch etwas zögernd, ließ er sich schließlich überreden und führte die dritte Form Säbel vor. Erstaunt wie beweglich er war, fasste er Mut und fing an wieder zu unterrichten. Die Vergangenheit jedoch holte ihn schnell ein. Als Offizier der Chang Kai Shek-Truppen musste er während der chinesischen Revolution 1949 nach Taiwan auswandern wo er lange Jahre seines Lebens verbrachte. Doch als auch dort er sich nicht mehr sicher fühlte, nahm er das Arbeitsangebot eines italienischen Freundes an und zog 1978 mit seiner Frau in seine neue Heimat. Einige westliche Karate-Meister erkannten sein Talent sofort. Er lehrte zunächst in Bologna, dann in Mailand wo er versuchte, eine Kung Fu Schule, bzw. eine Schule mit einem organischen und kompletten Programm aufzubauen.
 
Seine Lehre in ganz Europa war weit reichend und intensiv. Kurse, Praktika, Ausbilderkurse, Konferenzen und Vorführungen. Es war sein Ziel, das komplette Kung Fu Programm, was er kannte und technisch beherrschte, zu übermitteln. In den letzten zwei Jahren jedoch ließen seine Kräfte und einigen wenigen ihm treuen Schüler offenbarte er, dass er sich wie eine Flamme im Wind fühlte. Langsam waren auch seine technischen Feinheiten verblasst und es kam der eigentliche und wahre Chang hervor, der Krieger, der Kämpfergeist! Im Dezember 1991 flog er nach Taiwan um dort Weihnachten zu verbringen. Von dieser Reise kam Meister Chang jedoch nie wieder zurück. Seine italienischen Schüler erhielten die Nachricht seiner Todes Anfang Februar 1992.